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Exzellenz und Perfektion Performative Aspekte der digitalen Selbstdarstellung

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Selbstdarstellung als Praxis, die lange den Mächtigen dieser Welt vorbehalten blieb, hat mit der Verbreitung des Smartphones und dessen integrierter Kamera Einzug in die breite Masse der Gesellschaft gehalten.

 

Bei einem Streifzug durch Social-Media Plattformen wie Facebook und Instagram wird die Konjunktur dieser Gattung deutlich. Die ungeschriebenen Regeln für das perfekte Selbstporträt, neu mit dem Trendbegriff „Selfie“ bezeichnet, sind klar: Schmollmund, verführerische Pose, perfekt frisierte Haare, am Besten von schräg oben fotografiert, verfeinert mit einem schmeichelnden Farbfilter der dem vergänglichen digitalen Bild eine vermeintliche Historizität verleiht. Werden diese Regeln beachtet, stehen die Chancen auf eine beträchtliche Resonanz im Netz nicht schlecht. Grundsätzlich gilt auch hier: Sex Sells – je mehr nackte Haut,umso mehr Zuspruch des Publikums. Letztlich setzt die Definition des Selfies die Veröffentlichung des Selbstporträts auf einer Social Media Plattform voraus.

© Amalia Ulman, 2014, Instagram Performance, Courtesy the artist

© Amalia Ulman, 2014, Instagram Performance, Courtesy the artist

Die Gründe warum das Selbstporträt zur neuen Trendgattung der Amateurfotografie avancieren konnte sind vielfältig. Es scheint, dass ein gesteigerter Narzissmus dabei eine entscheidende Rolle spielt. Wie wir alle wissen erlag der arme Narziss der Verführung seines eigenen Abbildes im Teich und führte so seinen eigenen Tod durch Ertrinken herbei. Der spiegelnde Teich wird im 21. Jahrhundert durch die Handykamera ersetzt, doch das Phänomen bleibt das gleiche: Immerzu möchten sich die heutigen Narzissten selbst betrachten und schießen dabei permanent Fotos von sich selbst. Der Spiegel erhält doppelt Einzug in diese Gleichung: zum einen in Form der Kamera, zum anderen als tatsächliches Hilfsmittel sich selbst zu fotografieren. Doch während Narziss aufgrund seines unglücklichen Schicksals Attribute wie Arroganz, Egozentrik und Selbstsüchtigkeit attestiert wurden, werden die heutigen Narzissten interessiert verfolgt, ihre Fotos weiterverbreitet und nachgeahmt, ja regelrecht gefeiert. Durch das Selfie kann heutzutage auch ohne besondere Leistung ein relativ hoher Bekanntheitsgrad erreicht werden, es wird zum gesellschaftlichen Statussymbol. So wie materielle Güter an Relevanz verlieren, werden der eigene Körper, dessen Lokalität und Befindlichkeit aufgewertet. Materialität verliert dabei keinesfalls ihre Anziehungskraft, doch lässt sich heutzutage genau soviel Bewunderung mit einem vorteilhaften Selbstportrait ernten.

Die positive Konnotation des Bildes ist gleichzeitig auch das wichtigste Kriterium. Es muss mich in einem guten Licht zeigen, etwa wenn ich sexy, stark, glücklich und beneidenswert aussehe. Ist dies der Fall, kann ich mich durch mein eigenes Bild mit dem Rest der Welt messen. Die Verweigerung jedes unschönen Abbildes ist symptomatisch; die Selbstdarstellung wird also nur in vorteilhaften Momenten vollzogen.

Durch seinen Status als prägnantes, gesellschaftliches Phänomen der exzessiven, digitalen Selbstdarstellung wurde das Selfie schon verschiedentlich in künstlerischen Arbeiten thematisiert. Die Künstlerin Amalia Ulman nutzt die Regelwerke des Selfie und erklärt ihre eigene digitale Präsenz auf ihrer Instagram Plattform zum performativen Kunstwerk. Unter dem Titel Excellences & Perfections, zu sehen als online Ausstellung des New Museum in New York, dokumentiert sie ihr scheinbar perfektes Leben. Stillleben von Cappuccinos und Knäckebrot mit Avocado reihen sich an Fotos von Einkaufstaschen verschiedener Luxuslabels. Dazwischen Nahaufnahmen von Blumen und immer wieder die Künstlerin selbst. Die in Pastellfarben gehaltenen Bilder spielen mit einer Ästhetik, die sich für die weltgewandte digitale Persönlichkeit als bezeichnend erweist. Diese Bilder sind Ausdruck davon, welche strikten Regeln der Darstellung befolgt werden und welche Erwartungshaltungen von Luxus bzw. Selbstdisziplinierung sie speisen. Ulman entwarf ihre semi-fiktionale Online-Persönlichkeit, um diesen Vorstellungen zu entsprechen. Sie gab vor, sich einer Brustvergrösserung unterzogen zu haben; schlich sich in Luxushotels, um Fotos zu machen; und gab sich in ihren Posts und Kommentaren als oberflächliches, naives „It-Girl“.  Einige Elemente sind jedoch tatsächlich real. So hielt sie sich strikt an eine strenge Diät und betrieb mehrmals die Woche Pole-Dancing. Die Kommentare der Leserschaft reichen von zustimmender Bewunderung bis zu skeptischer Verwunderung. Die Künstlerin selbst äußerte sich später in einem Interview mit VICE wie folgt:

I felt very uncomfortable with the idea of self-branding, so my anti-capitalist approach to this was to destroy my online persona, to the point of creating this fake truth that I couldn’t even fight with. It was all about the power of the image. I was also sick of the stereotype of the young female artist, so I was playing around with self-destruction and becoming the opposite, becoming a persona that would bring up mixed feelings: on one side attraction and on the other deep repulsion, even nausea.“ (3)

© Amalia Ulman, 2014, Instagram Performance, Courtesy the artist

© Amalia Ulman, 2014, Instagram Performance, Courtesy the artist

Der Grund warum Ulmans Bilder verstören, ist ihre Glaubwürdigkeit. Die Dreistigkeit, mit der Persönliches preisgegeben wird, die Art und Weise der Selbstinszenierung und die Posen und Interieurs sind so sehr an den Duktus der heutigen online Präsenz von jungen Menschen angepasst, dass ihre Authentizität nicht hinterfragt wird. Durch ihre leichte Manipulierbarkeit wird die Kraft dieser Bilder erst erfahrbar. Die Lebensphilosophie des „fake it ’til you make it!“ war nie so leicht wie im Zeitalter der digitalen Fotografie. Dies beweist auch das Beispiel der holländischen Studentin Zilla van der Born. Sie inszenierte eine fünfwöchige Ostasien-Reise komplett online, indem sie dank Photoshop auf  Gruppenbildern und exotischen Stränden auftauchte, sowie sich im einzigen buddhistischen Tempel von Amsterdam mit einem Mönch ablichten ließ.

© Zilla van den Born, 2014, Social Media Performance, courtesy the artist

© Zilla van den Born, 2014, Social Media Performance, courtesy the artist

© Zilla van den Born, 2014, Social Media Performance, courtesy the artist

© Zilla van den Born, 2014, Social Media Performance, courtesy the artist

Aufgrund dieser zwei Beispiele in den Diskurs um die Macht des Bildes oder die Folgen der Manipulierbarkeit unserer digitalen Persönlichkeit einzusteigen, wäre höchst anmaßend. Ich möchte an dieser Stelle trotzdem eine These wagen. In beiden Beispielen erhält das Selbstbildnis einen bemerkenswerten Stellenwert in der Online-Präsenz der Künstlerinnen. Diese kalkulierte und verfälschte Inszenierung in verschiedenen Social-Media-Portalen nutzt die digitalen Bilder als Dokumentationen dieser Performance, respektive kommt die Performance ohne die perfekt inszenierten Selbstbildnisse überhaupt nicht zustande. Worauf ich hinaus möchte ist, dass die Dokumentation der Performance nicht im Nachhinein geschieht sondern ihr voraus geht und sogar maßgebliche Grundlage dafür ist. Die Gattung des Selfies könnte in diesem Sinne den Status der Fotografie als dokumentarisches Element der Performance Art neu beleuchten, wenn der Akt des Fotografierens selbst als genuin performativer Moment angesehen wird.

© Zilla van den Born, 2014, Social Media Performance, courtesy the artist

© Zilla van den Born, 2014, Social Media Performance, courtesy the artist

 

Fußnoten zum Text: Exzellenz und Perfektion – Performative Aspekte der digitalen Selbstdarstellung

  1. Siehe hierzu die Ausstellung #Selfie Portrait Gallery: National http://www.moving-image.info/national-selfie-portrait-gallery/
  2.  http://www.newmuseum.org/exhibitions/view/amalia-ulman-excellences-perfections
  3.  https://i-d.vice.com/en_gb/article/from-plastic-surgery-to-public-meltdowns-amalia-ulman-is-turning-instagram-into-performance-art
  4.  http://news.distractify.com/people/zilla-van-den-born-sjezus-seg-zilla/
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